Leserbriefe

Leserbrief von Markus Wittig
vom 04.03.2009
Gedenkkonzert zum 1. März 1945 - Bruchsal 2009

erstes Bild„Man kann über den Holocaust kein Stück schreiben, aber man muss es wenigstens versuchen!“, so Dietrich Lohff nach der Aufführung des von ihm komponierten „Requiems für einen polnischen Jungen“ in der Bruchsaler Lutherkirche. Der Heidelberger Komponist stand nach der Aufführung den Besuchern Rede und Antwort.
Unter der Gesamtleitung von Bezirkskantorin Dagmar Große gelang den Musikern eine ausgezeichnete Interpretation dieses anspruchsvollen Werkes.
Das Konzert erfolgte zum Gedenken an den Luftangriff am 1. März 1945, bei dem Bruchsal dem Erdboden gleichgemacht wurde. Immer wieder soll diese Erinnerung auch eine Mahnung an uns und die kommenden Generationen sein, dass wir uns für den Frieden einsetzen damit so etwas nie mehr geschieht.

Mit düsteren Tonfarben untermalt erklang das „Totengebet“, die Einleitung des Requiems. „Sieh Herr, die Toten kommen zu Dir. – Die wir geliebt sind allein und sehr weit.“ Die Texte sind insgesamt ergreifend. Sie stammen von Opfern des Nationalsozialismus. Georg Kafka, Siegfried Einstein, Selma Meerbaum-Eisinger oder Martin Gumpert, um nur etliche zu nennen. Dietrich Lohff hat seine eigene Tonsprache gefunden, die Niederschriften zum erklingen zu bringen. Sie bedürfen keines großen Orchesterklanges mit fünfstimmigem Chor. Es ist eher die Gleichförmigkeit, durchsetzt mit Dissonanzen und einigen Klanghöhepunkten, die Text und Musik zu einer Einheit werden lässt. Das „Schlaflied für Daniel“, keineswegs als Gutenachtlied gedacht, wird durch einen permanenten Rhythmus vorangetrieben. Dazu erklingt solistisch “Wir fahren durch Deutschland, mein Kind. Und es ist Nacht. Die Scheiben klirren im Wind, da sind die Toten erwacht.“ Gemeint sind hier die Toten von Auschwitz und als Zuhörer kann man schon das Gefühl bekommen, der Hals sei zugeschnürt, wenn es am Ende heißt: „Die Toten klagen im Wind – Und niemand ist aufgewacht ...“

Sehr ergreifend und feinfühlig musizierten die Bezirkskantorei und das Instrumentalensemble sowie solistisch Claudia Hügel, Mezzosopran, und Philipp Heckmann-Umhau, Knabensopran. Der Karlsruher Schauspieler Rudi Spieth verlieh mit seinen eindrücklichen Rezitationen der jeweiligen Texte dem Konzert noch eine sehr emotionale Note. Die gut gefüllte Lutherkirche zeugte auch von einem regen Interesse an der Auseinandersetzung mit diesem Thema. In dem Stück „Euch fehlt die Phantasie“ geht es beispielsweise um die Vorstellungskraft, dass Telefone überwacht werden, Freunde nicht mehr gegrüßt werden, Bücher verbrannt werden, oder dass ganz alltägliche Dinge weitergingen, während der Holocaust seinen Lauf nahm.

Durch stilles Aufstehen bekundete das Publikum zum Schluss seine Anerkennung für die Musiker. Bei den letzten Worten des Requiems „Für das, was wir ertragen ist jede Sprache stumm“, wäre alles andere unangemessen gewesen.