Leserbriefe

Leserbrief von Markus Wittig
vom 12.11.2008
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Klezmer Quartett Heidelberg

Gegensätzlicher hätte man diesen Tag nicht begehen können. Zum einen gedachte man am 9. November dem 70. Jahrestag der Reichspogromnacht, in der auch die Bruchsaler Synagoge bis auf die Grundmauern niedergebrannt wurde, zum anderen erklangen in der evangelischen Lutherkirche fröhliche, jiddische Weisen, die das Publikum begeisterten.

Zum Anlass dieses Jahrestages gastierte im Rahmen des Orgelherbstes das „Heidelberger Klezmer-Quartett“ in Bruchsal. Bereits der optische Eindruck deutete auf ein besonderes Konzert hin. Die Kirche war dunkel und an jeder Bankreihe steckte eine Kerze. Nur der Altarbereich war durch einen Scheinwerfer in gelb-rötliches Licht getaucht. Mitten in dieser Atmosphäre erklangen nun die schluchzenden Töne der Klarinette mit schwermütiger Begleitung, die im nächsten Augenblick in eine überschwänglich fröhliche Melodie wechselte, die die Zuhörer mitriss. Es ist wohl genau dieses Wechselspiel zwischen traurig und fröhlich, was uns an dieser osteuropäischen folkloristischen Musik so fasziniert. Dazu kommt die einzigartig perfekte Spielweise des „Heidelberger Klezmer-Quartetts“. Die Umsetzung der Arrangements, für die es größtenteils keine Noten gibt, begeisterte gleichermaßen wie die leidenschaftliche Interpretation der Stücke.

Martin Leckebusch überzeugte an der Geige mit schneller Bogenführung als auch mit weinerlichen Klageklängen. Außerdem informierte er die Besucher mit kurzen Moderationen. Florian Scharnofske war am Akkordeon hauptsächlich für den Grundrhythmus verantwortlich, was ihn aber nicht daran hinderte, ab und zu solistisch hervorzutreten. Jörg Teichert an der Trompete oder Tuba sorgte für warme, stimmungsvolle Töne und Roland Döringer lies seinen Kontrabass schon mal mit Doppelgriffen schnarren. Für die in der Klezmermusik typischen schluchzenden oder lachenden Klarinettentöne war Holger Teichert zuständig. Zum unverwechselbaren Charakter der Gruppe gehörte auch, dass das Publikum mit einbezogen wurde. So blieben die Musiker nicht nur an einem Platz stehen, sondern liefen durch die gut besetzte Kirche, oder sie animierten die Zuhörer bei Gesangsstücken zum mitsingen. Zu Gehör brachte die außergewöhnliche Kapelle nicht nur jiddische Musik, sondern auch Weisen aus dem Balkan und zigeunerisches mit zum Teil swingenden Einflüssen.

Nach so einem mitreißenden Konzert forderte das begeistere Publikum mit stehenden Ovationen mehrere Zugaben, unter anderem das bekannte „Hava nagila“.

BNN, 11.11.2008